Den Begriff Nicht – Orte führt Augé ein und ergänzt Ideen von Michel Foucault und dessen Idee der Heterotopien oder Edward Relphs, Place and Placelessness. Auge´s Theorie bezieht sich auf die „Supermoderne“. Gerade in einer Zeit der Hyperdigitalisierung ist ein Essay über Nicht-Orte interessanter denn je. Nicht Orte versteht Augé als Funktionsorte. Sie sind Orte, die man zwar im täglichen Leben häufig betritt, allerdings nicht freiwillig. Im Transit. Durchgangsreisen. Es sind Orte, die nicht durch Symbole bestimmt werden.
Flughafen, Einkaufszentren, Parkhäuser, Supermärkte oder Bahnhöfe
Im Jahr 2026 könnte man diese Liste erweitern und auch den Bereich des Digitalen hinzufügen.
Gerade in diesen Nicht – Orten, die oft nur als Funktionsorte dienen, kann Interessantes passieren. Das Nicht-Hineinpassen, das Unwissen darüber, welche Regeln hier eigentlich spielen, bietet eine Chance: eine Chance zur Einsamkeit, die uns ein Stück weit von uns selbst entfernt. Dies ermöglicht uns, die Welt aus neuen Perspektiven wahrzunehmen. Es kann uns auch helfen uns selbst von unserem gewohnten Umfeld zu entfremden, um dann das Andere zu erfahren und gerade in diesen Nicht – Orten nachzuforschen, in welche Richtung man in Zukunft gehen wird.
Mit seinem Essay zeigt uns Augé eine Art des Reisens, die sich entfernt vom klassischen „Urlaub machen“. Es ist ein Suchen, nicht Finden, ein Weiterforschen.
„Der Raum des Reisenden wäre also der Archteypus des Nicht – Ortes.“ (Ebd., S. 90)
Diese Art des Reisens verlangt ein Innehalten, um Nicht-Orte überhaupt erst als solche wahrzunehmen.
„Die Raststätten tun ein Übriges, indem sie weitere Informationen bereitstellen und sich als regionale Kulturhäuser gerieren; ihr Angebot umfasst lokale Erzeugnisse, Karten und Reiseführer, die von Nutzen sein könnten, wenn man sich zum Anhalten entschließt. Doch die meisten Reisenden halten nicht an; vielleicht kommen sie wieder einmal vorbei, im Sommer oder mehrmals im Jahr, so dass der abstrakte Raum, den man ihnen regelmäßig eher zu lesen als zu sehen gibt, mit der Zeit auf seltsame Weise vertraut wird, wie anderen, mit Gütern reicher Gesegneten der Orchideenverkäufer auf dem Flughafen von Bangkok oder der Duty free shop in Roissy I.“ (Ebd., S. 99)
Laut Augé sind diese Nicht – Orte nie wirklich vorhanden, da Menschen, immer, sobald sie zusammen kommen, Soziales hervorbringen. Das heißt, selbst an Nicht – Orten wie dem Flughafen entstehen neue Orte.
„Sowohl in ihren bescheidenen Formen als auch in ihren luxuriösen Ausprägungen ist die Erfahrung des Nicht – Ortes (die unlösbar verbunden ist mit der mehr oder minder deutlichen Wahrnehmung, dass die Geschichte sich beschleunigt und unsere Erde kleiner wird) heute ein wesentlicher Bestandteil sozialer Existenz. (119)
Es lohnt sich Auge´ zu lesen, weil er wie Elytis und Arendt darauf pocht, dass alles, was wir tun, irgendwie im Gemeinsamen stattfindet. Das hat eine – denke ich – sehr poetische Art über das Leben nachzudenken.
„In der Anonymität des Nicht – Ortes spüren wir, ein jeder für sich allein, das gemeinschaftliche Schicksal der Gattung.“ (120.)
Dass Nicht – Orte nicht nur Freudiges zeigen, zeigt sich vor allem in Bezug auf die Digitalisierung. Wir sind vernetzt, wir sind dort und doch weit weg. Wir sitzen in unserem Zuhause und wünschen uns in die Ferne. Wir fühlen uns mit tausend Stimmen verbunden und bleiben in unseren Wohnungen – alleine. Wir verlieren uns in vermeintlichen Symbolen, die wir so nie bekommen können, gerade weil sie nicht nur Nicht – Orte sind sondern vor allem auch nicht physisch sind. Im Gegensatz zu Flughäfen, Supermärkten oder Bahnhöfen, sind digitale Räume physisch nicht existent. Das macht es noch viel schwerwiegender zu begreifen. Wenn wir nicht lernen, Nicht – Orte als Orte des Dazwischen, des Transits zu begreifen, werden wir durch sie verschwinden. Wir werden Teil dieses unendlichen Rhizoms, dessen Anfang und Ende wir nicht mehr finden werden.
Marc Augé (1935 -2023) war ein französischer Anthropologie und Ethnologe. Er lehrte an der Universität in Paris (Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales). Neben seiner Lehrtätigkeit war Augé viele Jahre auf Forschungsreisen an Orten wie Bolivien, Argentinien, Chile, Venezuela oder Togo.
Buchempfehlungen: Marc Auge, Nicht- Orte, Verlag C.H.Beck, München 2019.
Bildquelle: AWVH – in Berlin


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