Camus Absurdität im Lichte einer umgedrehten Wahrheit.Ein kritischer Essay

Was hat das Leben von Albert Camus mit seiner Philosophie zu tun? Warum denkt der algerische Philosoph soviel über den Sinn des Lebens, die Absurdität und die Existenzfrage nach? Ein Beitrag zwischen dem Leben und der Philosophie von Albert Camus.

Ein Gastbeitrag von: Lionel Thalmann.

Camus gehört zu den Autoren, dessen Worte mich auf eine besondere Art und Weise affektieren. Auf der einen Seite bewundere ich die Schönheit ihrer Form und die Klarheit dessen, was sie zum Ausdruck bringen – auf der anderen Seite betrübt mich ihr Inhalt. Ich bewundere den Philosophen, der es geschafft hat, seine eigene Stimme zu finden und damit eine Welt von innen nach aussen zu tragen – ich bemitleide den Mann, dessen Leben mit so viel Elend besetzt ist, dass diese Welt mit dem absurden Bild des Sisyphos verglichen werden muss.

Albert war noch keine 2 Jahre alt, als sein Vater im Zuge des Ersten Weltkrieges von der französischen Armee eingezogen wurde und in einem Lazarett in der Bretagne verstarb. Seine Mutter, welche die Familie anschliessend unter grösster Not alleine durchbringen musste, war Analphabetin, sein Bruder sprachbehindert. Mit 17 Jahren, mitten in der Vorbereitung für das hart erarbeitete Abitur (das Baccalauréat), erkrankte Albert an Tuberkulose und wurde damit schneller wieder einer sich langsam stabilisierenden Welt entrissen, als diese sich hätte formen können. Zum Zeitpunkt des Sisyphos-Essays war Camus bereits von einer schmerzhaften Ehe geschieden, die Krankheit war ihm über die körperlichen Leiden hinaus ein Hindernis in seiner beruflichen Entwicklung geworden und die politische Stimmung begann zunehmend einen immer wie stärkeren braunen Ton anzunehmen. Es verwundert somit nicht, dass „Der Mythos des Sisyphos“ mit den berühmten Worten beginnt:


Sisyphos von Franz Stuck um 1920, München. Franz Stuck war ein deutscher Maler und Bildhauer des Jugendstils und des Symbolismus. Er lebte in München.

Bildquelle: Public Domain

Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entschieden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden, heisst auf die Grundfrage der Philosophie zu antworten.

Camus, Albert: “Der Mythos des Sisyphos”, original “Le Mythe de Sisyphe” ed., 1942: Rohwolt, 2013, S. 5.

Ich kann mich glücklich genug schätzen, dass sich mir die Frage, ob das Leben wert sei, gelebt zu werden, als solche nicht stellt. Meine Perspektive auf das Leben beginnt nicht mit einem Gefühl der Absurdität – im Gegenteil, ich bin dankbar für jeden Moment und versuche selbst im Leiden1 noch die Klarheit zu wahren Gedanken an Selbstmord als rein psychologisches Problem zu betrachten.

Mit den folgenden Zeilen versuche ich mich also nicht einem allgemeinen philosophischen Problem zu nähren – wie es Camus Formulierung nahelegt; mich interessieren vielmehr die Umstände, welche den Autor zu diesem Problem führten. Ich gehe davon aus, dass die Camu’sche Frage nach dem Wert des Lebens immer im Zusammenhang mit der individuellen Lebenserfahrung der Person steht, die sie aufwirft. Auf einer abstrakten Ebene im Sinne einer Grundfrage DER Philosophie, so werde ich argumentieren, ist das Problem bedeutungslos.

Literatur:

Camus, Albert: “Der Mythos des Sisyphos”, original “Le Mythe de Sisyphe” ed., 1942: Rohwolt, 2013.

[1] Welches ich damit in keiner Weise mit dem von Camus vergleichen will.
[2] Friedrich Nietzsche: „Also sprach Zarathustra“. Kritische Studienausgabe, S.282.
[3] Viktor E. Frankl: „Über den Sinn des Lebens“. Beltz, 2021.

Bildquellen:

  1. Franz Stuck: Public Domain
  2. Unsplash: Public Domain
  3. Foto von Howen auf Unsplash
  4. Foto von Felix Mittermeier auf Unsplash
  5. Foto von ÉMILE SÉGUIN auf Unsplash

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