Elytis lehrt eine Haltung, die zu Anmut, Sehnsucht motiviert. Er erinnert mich an Augé, der gerade in den Nicht – Orten, Momente der Entfaltung erkennt, die uns von vor-strukturierten Begriffsbestimmungen befreit. Damit wiederum erreicht auch Elytis den Bogen zu Nietzsche und dessen Idee der ewigen Wiederkehr als auch dessen Abneigung vorgesetzter Begriffsbestimmungen.
„Allerdings ist das Ego des Dichters – darauf bestehe ich und dem sollten wir uns stellen – nicht der Poet, der sich in der Welt verwirklicht; es ist die Welt, die sich im Poeten verwirklicht. Das bedeutet, falls der Poet eine Ausnahme darstellt, ist diese Ausnahme selbst uninteressant; interessant ist die Art, mit der die Ausnahme die Regel erfasst.“ Odysseas Elytis: Aller Anfang ist Poesie. Aphaia Verlag 2019, S. 25. , S. 35 f,
Ein Grund, der unglaublich einfach ist aber doch aussagekräftig bleibt: Wir erfahren etwas über die Literatur, über Gedanken aus Griechenland. Irgendwie haben es bestimmte Länder an sich, die Fähigkeit zu bewahren über die Natur zu schreiben, als Teil ihres Menschseins. Wenn ich Odysseas Elytis´Gedichte lese, begebe ich mich zu den Bergen, tauche ab in die Melancholie der Ägais. Ich verliere mich an den Orten und stelle mir vor, wie er dort sitzt und schreibt. Diese Nähe zu einem Ort kann uns im Lesen helfen, Verbindungen zu unseren Begegnungen im Alltäglichen wieder zu erfahren.
„Griechenland ist ein bestimmtes Empfinden: seit geraumer Zeit schon habe ich diesen Schluss gezogen – es wäre es wert, ein Piktogramm dafür einzuführen – dessen Analyse und Untersuchung seiner Analogien in allen Bereichen seine Historie, Natur und Physiognomie von selbst stets hervorbringt.“ Ebd.,S. 19f.
Aller Anfang ist Poesie. Sie beginnt, wenn wir uns dem Leben zeigen. Genau das öffnet Elytis in seinem Essay über die Dichtung. Elytis beschreibt in seinen Essay, wie er eigentlich zur Poesie fand. Diese Schrift zeigt einen Denker und Dichter. Sie ergänzt sein Werk und genau deshalb bleibt es von so wichtiger Bedeutung. Mit Elytis finden wir einen Dichter, der zugleich auch als Denker zu betrachten ist und damit weiterhin in diese Reihe bald einzuordnen ist.
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„Die Liebe der Poesie fand ich im Fernen und, wenn man das so sagen kann, außerhalb der Literatur. Bewusst wurde mir dies eines Tages, als ich die Säle des Britischen Museums durchstreift und auf einen – wenn ich mich recht erinnere – grünschimmernden Papyrus strieß, auf dem ein Fragment von Sappho ziemlich deutlich aufgetragen war.“ – Aller Anfang ist Poesie. Aphaia Verlag 2019, S. 25.
„Deswegen schreibe ich. Weil die Poesie dort beginnt, wo der Tod das letzte Wort nicht hat. Sie ist der Abschluss eines Lebens und der Beginn eines anderen, das mit der ersten gleich ist, dennoch sehr tief dringt, bis an die äußerste Stelle, die die Seele überhaupt erspüren kann, bis an die Grenzen der Gegensätze, dort, wo Sonnengott und Totengott einander berühren.“ Ders., ebd., S. 38.
Das Meer fasziniert mich nicht nur als begeisterte Schwimmerin. Es hat etwas Magisches – Diese Unendlichkeit und gleichzeitige Unnahbarkeit. Wenn wir das Meer ansehen, können wir Menschen vielleicht für einen kurzen Moment wirklich begreifen, wie machtlos wir sind. Dass wir nur ein Teil unter Tausenden sind. Das ist gut so. Das hilft uns, uns einzuordnen. Mit Elytis finden wir den Bezug zum Wasser, dem Meer und seiner Unendlichkeit. So zitiert er in seinem Essay, Aller Anfang ist Poesie den griechischen Schriftsteller Pindar aus seinen Olympischen Oden folgendes.
„Ἄριστον μὲν ὕδωρ“ – Am besten ist das Wasser.
– Pindar, 1. Olympische Ode / vgl. Elytis, ebd., S. 42.
In seinem Text Öffentliches und Privates schreibt Elytis zudem über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. So bleibt nur ein Satz, den zu lesen, denke ich, ausreichen kann, um darüber nachzudenken.
„Das Entscheidende in diesem Leben verbirgt sich jenseits des Individuums.“ Ders., Ebd., S. 74f.

Odysseas Elytis
griechischer Lyriker, Übersetzer und Literaturnobelpreisträger
geboren 1911 in Heraklion auf Kreta
gestorben 18. März 1996 in Athen
Quellen und Buchempfehlungen:
Odysseus, Elytis: Aller Anfang ist Poesie, Aphaia Verlag, Frankfurt 2019.
Odysseas Elytis. Ausgewählte Gedichte. Übersetzt und übertragen von Barbara Vierneisel-Schlörb und Antigone Kasolea. Berlin: Suhrkamp Verlag 2016.
Bildquelle 1: Mondadori Publishers – public domain.
Bildquelle 2: Die Familie Alepoudelis 1917, links ist Odysseas Elytis zu sehen. public domain.


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