Franz Kirsch: I

Im heutigen Textbeitrag geht es um ein Gedicht über erdrückende Erwartungen, Scham und das Aufweichen der eigenen Identität bis zur Erstarrung.

I.
als teppich sich auf stein legte
halt die lieder in der kehle
lang genug fuer schwanenhaelse
einst war ich zoegling
musterknabe ohne spiegel
man wollte mich nicht einbeziehen
aber einziehen
in kriege fremder nachbarn
mutter sagt
was sollen die nachbarn denken
und die scham
ach die scham
zieht in mich ein
handcreme mit hochwertigen dueften aus paris
im schlafzimmer der großmutter
zwischen ohrringen die vielleicht etwas wert sind
wenn das haus leer steht
stehe im raum und atme tief ein
liebe worte verzittert zwischen zeilen
fuer ein klares bild musst du doch nur nicht so wackeln
aber die haende gehorchen nie
dauertremor beim streicheln
ziehen
faeden von geknuepftem stofflauf
und alles loest sich auf
so nackt
nur der warme teppich trennt dich vom stein
endlich kalt
endlich kalk

franz kirsch, geboren 1990 in bayern, arbeitet als psychologe und freischaffender kuestler. er lebt mit kater in einem ehemaligen offiziershaus in der stille brandenburgs. zwischen zerfallenen munitionsfabriken und abgesperrten denkmalsinseln schreibt und illustriert er ueber die gewalt von sprache und nicht-sprache, ueber verlorene kommunikation zwischen menschen und generationen. all die zwischenschichten, mit denen wir sprache umlaufen.

instagram: franzkirsch_

Illustration und Titelbild: Franz Kirsch

Kuration und Textauswahl: Angel André Osorio

Redaktion, Design: Anna W. von Huber


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