Hoffend stehen wir hier.

Ein hoffnungsvoller Text über Mascha Kaléko von Anna W. von Huber. Verfasst im Februar 2024, überarbeitet und publiziert am 19. Oktober 2026.

Heute schreibe ich etwas über Mascha Kaléko. Ich möchte mich vor allem bei ihr bedanken. Für ihre Texte, die mir immer wieder Hoffnung, Leichtigkeit und den positiven Blick auf die Vergänglichkeit des Lebens aber auch auf scheinbare aussichtslose Zeiten schenkten.

Mascha Kaléko – der Mensch – Wer war sie?

Von Fotoatelier Ullstein – https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/die-heimatsuchende/, Gemeinfrei

Geboren ist sie am 07. Juni 1907 in Polen und starb am 21. Januar 1975 in der Schweiz. In Polen Chrzanów lebte sie 7 Jahre. Im Jahr 1914 floh ihre Familie vor den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs nach Deutschland.

Später lebte sie in Berlin, der Stadt, die sie immer verehrte und als Dichterin bekannt wurde und als Jüdin und Dichterin  gezwungen wurde in die USA zu emigrieren.

Literarisch wird sie der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. Sie bewegte sich in den Künstler- und Schriftstellerkreisen Berlins, insbesondere im Umfeld des Romanischen Cafés.

Als Autorin in Deutschland konnte sie in den 30ern zwei Lyrikbände veröffentlichen. Sowohl die erste Gedichtsammlung: „Das lyrische Stenogrammheft“(1933) als auch ihr „Kleines Lesebuch für Große“ (1934) erhielt breite Leserschaft.

Das hält nicht an. Die Nazis zerstören das Leben. Sie muss fliehen und siedelte nach New York über und arbeitet zeitlebens als Copywriterin. 1959 zog sie mit ihrem Ehemann nach Israel.

Sie war eine Dichterin der Moderne, neben Dichtern wie Joachim Ringelnatz, Tucholsky oder Erich Kästner.

Sie fasziniert und inspiriert mich.

Als Dichterin in einer damals nach wie vor männerdominierten Umgebung arbeitete sie auch als Werbetexterin. Vielleicht verlor sie gerade dadurch nicht den Zugang zu jener Welt, in der die meisten Menschen leben: einer Welt, in der man nicht ausschließlich aus künstlerischer Distanz auf das Leben blickt.

Sie war mittendrin im Leben einer Gesellschaft.

Von Doris Antony, Berlin – photo taken by Doris Antony, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1392158OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Mascha und das eigene Denken.

Die Haltung, die Mascha Kaléko in ihren Texten präsentiert, ist die der Neuen Sachlichkeit. Wer den Autoren Erich Kästner kennt, weiß, worauf ich hinaus möchte.

Ich denke, dass Mascha Kaléko uns gerade in der Gegenwart dabei helfen kann, das Kleine im Großen zu sehen.

Sie kann helfen, dem Leben mit einem Funken an naiver Hoffnung entgegen zu laufen.

In einer Welt, die sich immer stärker in gegensätzliche Lager, in einseitige Vorstellungen von Richtig und Falsch manövriert, verlieren wir zunehmend die Hoffnung und vielleicht auch die Perspektive auf das Leben selbst.

Denn eigenes Denken kann nur dann entstehen, wenn wir uns, wie bereits Platon in seinen philosophischen Überlegungen nahelegt, von bloßen Meinungen, der Doxa, lösen und anfangen, selbst zu fragen und zu denken.

Das zeigt sich nicht darin, dass wir der bequemen, breiten Masse hinterherlaufen und uns stolz mit Argumenten präsentieren, nur weil wir einer bestimmten Mehrheit oder Minderheit angehören.

Sie zeigt sich darin, dass wir beobachten, neugierig sind, Fragen stellen und uns immer wieder überraschen lassen wollen, von anderen Denkweisen, anderen Leben und vor allem anderen Perspektiven.

Dieses eigene Denken geht Hand in Hand mit dem Loslassen festgefahrener Meinungen und bleibt damit untrennbar mit dem Loslassen vermeintlicher Sicherheiten verbunden.

Eigenständiges Denken ist langsam. Es durchbricht Gewohnheiten und bleibt vor allem unangenehm.

Wir können damit keine feste Meinung erhalten, uns nicht anpassen oder mitreden. Wir müssen schweigen, weil wir die Kenntnisse nicht haben darüber zu sprechen.

Erst wenn wir wirklich Interesse zeigen, unseren Verstand und unser Herz benutzen und genauer hinsehen wollen, kann sich eine begründete Meinung entwickeln.

Und diese Meinung – das ist vielleicht das Schwierigste an diesem Prozess – kann durch weiteres Wissen jederzeit wieder infrage gestellt werden, sie kann zu jedem Zeitpunkt durch ein weiteres Wissen verloren gehen.

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Scio Nescio.

Sokrates.

Mit diesem Verfahren ändern sich unsere Ansätze immer und immer wieder und genau das ist Denken und Philosophie.

Alle Wahrheit ist einfach. — Ist das nicht zwiefach eine Lüge.

FRIEDRICH NIETZSCHE

Die erste Idee, zu der mich Mascha Kaléko inspiriert hat, ist also das Nichtwissen und das eigene Denken.

Wie erkenne ich das in ihren Texten?

Ein möglicher Hinweis liegt in ihrer lyrischen Ich-Perspektive. Sie schreibt über persönliche Erfahrungen – ein Merkmal, das sich auch bei anderen Autorinnen und Autoren ihrer Generation findet.

Denn, die neue Sachlichkeit bleibt eine Literaturgattung, die intellektuell über das Einfache und Alltägliche schreibt. Damit zwar vermeidliche Bezugspunkte zur heutigen Zeit schafft, sich dennoch aber grundlegend unterscheidet.

Denn die eigene Person wird gewissermaßen als Beispiel verwendet. Sie steht nicht immer im Mittelpunkt. Die eigene Emotion wird zum Ausdruck einer Zeit, einer Erfahrung, die über das Individuelle hinausgeht.

Die eigene Emotion ist ein Beispiel der Zeit, nicht mehr. Sie ist auch bei Mascha dezent und nicht erdrückend. Sie überfordert nicht die lesende Person mit einem oft übertriebenen Gefühlsausbruch der Emotion. Der doch allzuoft nicht haltbar bleibt.

Dabei schreibt Mascha über das, was allgemeingültig wird. Sie verfasst Texte über ihre Erfahrungen des Exils, über das Leben und seine zerstörerischen und seine wunderschönen Momente. Sie kritisiert, indem sie schreibt. Nicht laut, sondern leise. Damit drückt sie niemanden etwas auf. Sie zwingt nicht und doch hat sie mich mehr überzeugt, mehr mitgerissen, als allzu oft betont kritische Texte, die doch nur Texte bleiben. Ihre Texte sind wissentlich dezent und damit lauter als laute Texte.

Diese Offenheit und dieses zeitlose in sich Gekehrte und Reflektieren des eigenen Lebens, das fehlt mir oft in heutigen Momenten.

Wie das Leise ganz laut sein kann und doch nicht zwingt oder eine Emotion aufdrücken will, zeigt wohl dieses Gedicht von Mascha Kaléko sehr deutlich:

Mich trieb von Berlin nach Amerika
Ein Abschnitt der jüngsten Geschichte.
Nun sitz ich im fernen New York, U.S.A.,
Und schreibe dort – deutsche Gedichte.

(Mascha Kaléko – Wir haben keine andere Zeit als diese, S. 38.)

Gedichte der Hoffnung

Trotz vieler Probleme, vieler Schwierigkeiten in unserem Leben, ist Hoffnung doch etwas, was uns am Leben lässt. Es gibt uns mehr als ein reines Überleben und in manchen Situationen ist es genau das, was uns überleben lässt. Der Mut nach vorne zu sehen, sich an etwas zu klammern, dass uns Stärke gibt. Nicht aufzugeben.

In ihrer Lyrik schreibt Mascha Kaléko oft über ihre eigene Geschichte.

Sie schreibt davon, wie sie heimatlos ihr Leben verwaltete, wie sie nach New York zog, als Dichterin der deutschen Sprache und dieser irgendwie doch auch immer fremd. Sie schreibt über die Lieben, die sie hatte und über den Schmerz den sie erfahren musste, als Exilautorin.

Als jemand, der ein schönes Leben hatte, der keine großen Ängste und Sorgen erleben musste, der sich den Schmerz in gewisser Weise selbst auferlegte, durch Entscheidungen, die nicht die besten waren, bewundere ich sie umso mehr. Wie viel Kraft hinter ihren Texten steht. Wie viel Hoffnung sie mir als Leserin geben kann – bleibt einzigartig.

Sie hatte ein Talent, das nicht wegzudenken ist, in meinem Leben. Ihre Gedichte ermutigen mich. Sie geben mir Kraft.

Ihre Gedichte sind voller Mut und Zuversicht. Sie verfasst Texte, die uns im Alltag ein Lächlen schenken – auch wenn es Texte zum Nachdenken bleiben.

Sie schreibt in einer Alltäglichkeit, die keine oberflächliche Tiefe benötigt. Mascha Kaléko gibt uns Mut für dieses eine Leben, das wir in all seinen kleinsten Klenigkeiten immer wieder neu beobachten, erfahren und bewundern dürfen – mit allen Gefühlen, die sich in uns verbergen.

Man braucht nur eine Insel
Allein im weiten Meer
Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.

Mascha Kaléko

Literaturhinweise und Tipps:

https://www.maschakaleko.com


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2 Antworten zu „Hoffend stehen wir hier.“

  1. Avatar von
    Anonymous

    Eine sehr gelungene Würdigung zu Mascha Kaléko‘s Werk. Ihre Begeisterung ist echt und ansteckend … ich freue mich sehr mehr von Ihnen zu hören!!!

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  2. Avatar von Klaus
    Klaus

    Vielen Dank für die wunderbare Stellungnahme zu den Werk von Mascha Kaléko. Ich hab es mit Begeisterung gelesen.

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