Das Meer – ein Symbol des Erhabenen für Kant und viele weitere Philosophen. Für mich bedeutet es Mut, Kraft und die Erfahrbarkeit des Unendlichen, des Nichterreichbaren. Mit dem Meer und dem Blick darauf lernen wir unsere menschlichen Grenzen kennen, die wir in dieser Welt so bitter nötig haben.
Weil wir dann erkennen, wie machtlos wir im Alleingang und vor allem im ständigen Drang des Verstehens – also des einseitigen Festsetzens von Wissen und von Definitionen – sind. Weil wir dann erkennen, dass wir abgrenzen, mit diesen festgesetzten Begriffsbestimmungen, die wir uns geben. Sie machen uns stärker, scheinbar größer. Das glauben wir und beginnen Wissen mit Meinungen gleichsetzen zu können.
Gunter Scholtz präsentiert in seinem Buch eine unglaubliche Tiefe und vor allem eine extreme Bandbreite an DenkerInnen, die sich mit dem Thema Meer mehr auseinandersetzten, als wir es vor allem auch an Schulen tun. Dabei kann uns gerade das Nachdenken über das Meer helfen, über die Welt fasziniert zu bleiben und uns zu offenen BürgerInnen erziehen. Diese Bandbreite liefert nicht nur ein Buch über eine Theorie oder eine Ansicht, sondern kann Anreize schaffen, weitere Werke und weitere Ideen und Theorien über das Meer und das Wasser zu lesen. So gibt es Einführungen von Platon und Thales bis hin zu Kant, Hegel oder auch Nietzsche. Durch diese Bandbreite kann man das Buch immer wieder von Neuem aufschlagen, inspiriert werden und weitere Ideen und DenkerInnen entdecken. Er schreibt auch in einer Sprache, die verständlich ist und gleichzeitig durch die Kapitel gut lesbar bleibt. So kann man lesen, das Buch zur Seite legen, darüber nachdenken, inspiriert werden und, wenn man möchte, Monate später ein anderes Kapitel lesen. Das Verständnis geht – im Gegensatz zu vielen anderen, vor allem philosophischen Theorien oder literarischen Werken wie besonders Romanen – nicht verloren.
Das Meer fördert Bildung und Perspektiven. So heißt es bei Scholtz:
„Das Meer fördert mit dem Kontakt der Nationen auch die Bildung; es dient nicht nur dem Austausch von Gütern, sondern ebenfalls dem von Gedanken und Kenntnissen. Mit der Bildung erweitert der Einzelne sein Repertoire von Einstellungen und Spezialwissen, das er im Kreis der Familie und durch seinen Beruf erworben hat, und lernt, seine eigene Position aus fremder Perspektive zu betrachten. Er gewinnt Abstand von den alten Denkgewohnheiten und wird durch die Begegnung mit dem, was für ihn fremd ist, ein anderer. Das Meer begünstigt diesen Prozess der Bildung, diesen Vorgang des Abstandnehmens und des Anderswerdens. Die Bildung gehört für Hegel deshalb zum ‚Prinzip des Meeres‘ hinzu.“
Gunter Scholtz, Philosophie des meeres
Hier zeigt sich, dass gerade durch die Unendlichkeit des Meeres und ihre Macht, der Mensch aufgefordert wird anders zu denken, Perspektiven einzunehmen. Nur dadurch wird er sein Wissen erweitern können.
Das Meer zeigt eine Unendlichkeit. Darin besteht die größte Möglichkeit Wissen zu erlangen, indem wir uns unserer Unkenntnis bewusst werden, indem wir Fragen immer vor allen Antworten stellen, immer unruhig, neugierig bleiben nicht Recht behalten und immer versuchen einen Dialog zu begehen. Bildung ist hier kein abgeschlossener Zustand, sondern ein fortwährender Prozess des „Abstandnehmens“.
Und die Antwort geht hier nicht mehr der Frage voraus…
„Das Meer ist nicht abhängig vom Menschen, aber der Mensch ist abhängig vom Meer.“
ebd.,s.78 -79.
Durch das Meer lernen wir Ohnmacht. Wir lernen Relation und Perspektiven. Wir lernen, dass Rechtbehalten nicht der Weg oder das Ziel ist, sondern der Weg an sich. Das bedeutet: Gerade diese Ohnmacht, diese Unendlichkeit – die Frucht, die wir erhalten –, kann uns helfen, uns selbst nicht mehr im Zentrum alles Daseins zu sehen und nicht mehr besiegen zu wollen. Es kann uns helfen, miteinander zu sprechen, in einem Dialog gemeinsam neue Wege zu beschreiten.
„Das Lernen ist wie ein Meer ohne Ufer.“
KONFUZIUS
Das Wunderbarste – zumindest für mich – ist die Lehre der Unendlichkeit. In seinem Buch gibt er uns eine wunderbare Einführung in die Philosophie von Heraklit und dessen allseits bekannten Spruch des Panta rhei, also die Idee, dass alles fließt. Wer in seinem Leben nach DenkerInnen sucht, die keine Antworten geben, die feststehen, sondern Perspektiven aufzeigen; wer in seinem Leben versucht ist selbst zu schwimmen, Neues zu lernen und bereit ist, alles, was getan wurde, in jedem Moment zu durchbrechen und wieder von vorne anzufangen; wer bereit ist, Lernen als etwas Fließendes, als ein Meer zu begreifen – der ist bei Heraklit wunderbar aufgehoben.
Ich denke, dass gerade in einer Zeit im Jahr 2026, die geprägt ist von immer einseitigerer Argumentation, immer festgefahreneren Meinungen und vor allem geprägt wird von Meinungen, die unbegründet bleiben, weil wir das Denken ohne Argumentationen erhalten wollen, kann eine Philosophie wie die von Heraklit besonders hilfreich sein.
Ich habe Angst vor einem Leben, welches einseitige Antworten und deren Macht der Begriffsbestimmungen vor die Fragen stellt.
Ich habe Angst vor einer Welt, die die gewinnende Diskussion vor den Dialog stellt und in welcher die Personen, die „nicht wissen“, weil sie sich des fließenden Flusses bewusst sind, als schwach verstanden werden; als diejenigen missachtet werden, die keine Kenntnisse haben.
Einer Welt, in welcher es wichtiger ist, schnelllebige Meinungen und Haltungen zu haben, als Haltungen zu entwickeln, die noch nicht festgesetzt wurden und die vielleicht nie festgesetzt werden können, weil wir uns bewusst sind, dass wir niemals etwas wirklich wissen oder verstehen können – außer uns selbst.
Genau deswegen müssen wir uns zurückbesinnen auf das fließende Moment, auf die Unendlichkeit von allem und damit auch die Notwendigkeit nicht zu wissen, niemals.
„Wer von Humanität spricht, der setzt stillschweigend den Gedanken jener Naturrechtsphilosophen voraus, dass die Menschlichkeit letztlich eine Einheit ist und der Mensch als Mensch Achtung verdient. Das Naturrecht hatte dies zur Geltung gebracht und die Philosophie daran festgehalten. Sie hat auch weiterhin mit Grotius besonders das Meer zum verbindenden Medium für den Kontakt der Völker erklärt. Da es mit der ganzen Welt bekannt machen kann, begünstigt es Kosmopolitismus, Weltbürgertum.“
EBD.,S.85.
Mit Scholtz erhalten wir ein Buch, das uns helfen kann, langsam zu denken und die Unendlichkeit durch das Meer in den Fokus des Denkens zu rücken. Ich denke, dass gerade das in Zeiten, die trainiert sind in Ja oder Nein, in Überzeugungen, die nur Richtig oder Falsch begreifen, umso wichtiger ist. In einer Zeit, in der es spannender ist, Meinungen zu haben als keine, weil man keine Haltung entwickeln will, ist gerade eine Philosophie über die Unendlichkeiten, das Bewusstmachen, dass der Mensch nicht Zentrum alles seins wird und einer Notwendigkeit von Perspektivannahmen von besonders wichtiger Bedeutung.
Gespräche führen, die nichts Wissendes vorgeben, die nicht Orientierung schenken oder von oberflächlichen Begriffsbestimmungen begrenzt sind, das bleibt das Entscheidende für ein Miteinander – zumindest denke ich so.
Und das Meer kann uns dabei helfen. -zumindest hoffe ich so.

Titelfoto von Conor Sexton auf Unsplash
weitere Meeresbildquellen: Unsplash, public domain


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